Theater Basel Podcast – ‹Gespenster›
Shownotes
Familiendrama in drei Akten von Henrik Ibsen Uraufführung 1882 in Chicago In einer Übersetzung von Angelika Gundlach
Künstlerisches Team Inszenierung – Anna Bergmann Bühne – Ben Baur Kostüme – Cédric Mpaka Komposition – Heiko Schnurpel Videodesign – Sophie Lux Lichtdesign – Mario Bubic Dramaturgie – Anja Dirks Regieassistenz / Abendspielleitung – Elisa Alge
Besetzung Helene Alving – Carina Braunschmidt Manders – Bärbel Schwarz Osvald Alving – Dominic Hartmann Tischler Engstrand – Daniel Lommatzsch Regine Engstrand – Regina Raimjanova
Tickets und weitere Informationen zur Produktion: https://www.theater-basel.ch/de/gespenster
Transkript anzeigen
00:00:02: Was wenn die Vergangenheit nicht einfach vergangen ist?
00:00:13: Was, wenn sie zurückkehrt in Erinnerungen, in Beziehungen, im Körper und in den Rollen, die uns zugeschrieben werden.
00:00:22: Henrik Ipsens Stück Gespenster erzählt von einer Frau, die ein Leben lang versucht, den Schein einer Familie zu bewahren.
00:00:30: Es ist ein Stück das vor fast hundertfünfzig Jahren geschrieben wurde noch immer aktuell ist.
00:00:37: Am zehnten September zeigt die Basler Kompanie dieses Stück.
00:00:40: Regie führt die deutsche Theaterregisseurin Anna Bergmann, wir blicken hinter die Kulissen und damit begrüße ich Lea Stadlmann sie zu einer Folge des neuen Podcasts vom Theater Basel.
00:00:55: Worum geht es denn genau in diesem Stück von Henrik Ibsen?
00:00:59: Das habe ich die Dramaturgin Anja Dirks gefragt
00:01:05: In einem Haus in Norwegen, dort wohnt die Witwe des Kammerherren Alwing.
00:01:11: Und sie hat zu seinem Gedächtnis einen Kinderheim bauen lassen und das soll jetzt eingeweiht werden.
00:01:18: Aus diesem Anlass reisen zwei Personen an nämlich der Pastor Manders, der Freund der Familie ein Geistlicher und der Sohn von Frau Alwing Oswald, der eigentlich als Maler in Paris lebt.
00:01:35: Die treffen auf die Menschen, die dort immer vor Ort sind.
00:01:38: Nämlich Helene Alwing, die da lebt mit ihrem Dienstmädchen Regina und als die letzte Figur ist der Tischler Angst dran, der an dem Kinderheim mitbaut und der der Vater ist von Regina.
00:01:51: Im Verlaufe des Stücks erfahren die Zuschauerinnen viele Dinge, die sich hinter dem trügerischen Schein dieses Hauses versteckt haben.
00:01:59: Man könnte also sagen dass die Fassade bröckelt Denn das Ganze sei aus vielen Lebenslügen gebaut, erzählt Anja Dirks.
00:02:07: Insbesondere Helene Alwing muss einsehen oder sie muss realisieren im Verlaufe des Stücks.
00:02:13: Sie hat gedacht, sie kann einerseits die Fassade aufrechterhalten und andererseits quasi im verborgenen reinen Tisch machen.
00:02:21: Und das geht einfach komplett schief weil die Vergangenheit sehr wirkmächtig in die Gegenwart hinein.
00:02:30: hineinregiert und hineinfunkt.
00:02:32: Also sie hat so die Vorstellung, dass sie jetzt sagen kann da gibt es jetzt dieses Kinderheim und damit ist die Vergangenheit vorbei und jetzt fange ich ein neues Leben an.
00:02:41: aber es stellt sich heraus das die Verganganheit immer noch viel mehr mit der Gegenwart zu tun hat als uns lieb
00:02:47: ist.".
00:02:48: In der Inszenierung von Anna Bergmann am Theater Basel gibt es aber einen sehr großen Unterschied zur Ipsens Original.
00:02:55: Es werde aus einer anderen Lesart erzählt sagt die Regisseurin Anna Bergman.
00:03:00: In dem Fall habe ich mich für eine Lesart entschieden, die das Stück aus der Perspektive von Regine erzählt – dem Hausmädchen.
00:03:10: Und Regine versucht sich quasi aus diesem Haushalt zu befreien und wir sehen immer wieder Traum- und Erinnerungssequenzen ihrer Figur und wie sie diese Welt wahrnimmt.
00:03:23: Und sie nimmt diesen ganzen Welt als etwas sehr düsteres, beklemmendes, was aus dem sie sich befreien muss war.
00:03:30: Diese Geister, diese Gespenster die da thematisiert sind, das sind also auch die Figuren des Stücks.
00:03:36: und deswegen spielt das Ganze in einem Haus am Ende der Welt im Norwegen in einer Düsternis.
00:03:43: Es regnet die ganze Zeit... Also das sind Vorgaben von Ipsen, die stehen quasi auch so den Regieranweisungen Und die Leute leben quasi in dieser Düsternis und diese Beklemmung, aber auch in der Beklempfung der Gesellschaft.
00:03:55: Also es ist bei Ibsen ein der neunzehntes Jahrhundert also eine Zeit in der Frauen auch keine Rechte hatten wenig Möglichkeiten hat sich zu entfalten.
00:04:05: wir haben es ein bisschen Nach hinten verlegt in die vierziger Jahre, das sieht man teilweise auch an den anhistorisierten Kostümen und auch da geht es ja immer noch darum dass bestimmte Dinge vertuscht werden unter den Teppich gekehrt werden.
00:04:20: Die Wahrnehmung nach außen, die Fassade einer Familie wichtiger ist als das was nach Innenen als dysfunktional bezeichnet werden
00:04:27: kann.".
00:04:28: Diese Lebenslügen führen zu einer beklemmenden Atmosphäre.
00:04:32: Als einzige Figur kann sich Regine befreien aus diesem gespenster Haus, diesem Gefängnis.
00:04:39: Anna Bergmann schenkt der Figur Regine in ihrer Inszenierung viel Aufmerksamkeit.
00:04:44: Weil mich das interessiert hat dieses alte Stück aus der Perspektive eines jungen Mädchens zu erzählen und mich wirklich diese Befreiung die sie ja auch versucht im Uliipsenstück, dass sie weggeht aus diesem Haus das groß zu machen.
00:04:58: Und aber auch ihr Leid oder das was ihr wiederfahren ist sichtbar zu machen und auch zu erzählen.
00:05:05: Das kommt nämlich eigentlich im Stück so nicht vor.
00:05:09: es wird immer nur angedeutet und ich wollte quasi ihr als Opfer nochmal eine größere Stimme auch
00:05:16: geben.".
00:05:17: Dem Opfer eine Stimme geben seine Welt sichtbarmachen Um in Regines Kopf und ihre Gedankenwelt einzutauchen, wenden Anna Bergmann und ihr Team einen Kniff an.
00:05:29: Auf der Bühne werden nämlich Live-Videos von Regine produziert.
00:05:33: Genau es ist ganz wichtig dass es eben keine vorproduzierten Videos sind sondern tatsächlich tauchen wir ein in Reginess Kopf, in Reginas Welt Wahrnehmung Und deswegen sehen wir im ersten Teil der Inszenierung Sie in Großaufnahme, wie sie quasi mit den Geisterfiguren und anderen Figuren interagiert und spricht.
00:05:52: Immer wieder sehen wir auch, wie Sie die Dinge belauscht oder verarbeitet.
00:05:57: Also sie ist quasi permanent auch im Bildfokus.
00:06:15: Die Atmosphäre im Stück ist düster gruselig, gar horrormäßig.
00:06:20: Auch die Musik vom deutschen Sound-Designer Heiko Schnurpel trägt zu dieser Stimmung bei.
00:06:36: Der Titel Gespenster widerspiegelt sich auch stark im Bühnenbild, erzählt Ben Bauer – er ist Bühnebildner in der Produktion.
00:06:45: Geisterhaft sei aber nicht nur das Bühnensbild sondern auch die Perspektive, die das Publikum einnehme eine Art Schlüssellochperspektive.
00:06:54: Es gibt dieses Motiv, dass man fast wie durch so ein Schlüsselloch schaut.
00:06:57: Auch als Zuschauer und auch vielleicht gar nicht alles sieht.
00:07:01: Manchmal nur die Stimmen hört.
00:07:03: also dieser Thriller Moment oder was man aus Kuselfilmen kennt diese Motive Und dann aber auch später im Verlauf des Erdens zusammen mit dem Video von Sophie Lux.
00:07:18: Es gibt einfach sehr viele ästhetische Momente, wo man das Gefühl hat, dass es nicht eine reale Welt in die wir da gucken.
00:07:27: Das ist jetzt nicht alles eins zu eins sondern es gibt Traumbilder und Albtraumbilder.
00:07:31: Es gibt dann wieder reales Zähn.
00:07:33: Und jeder der die Arbeiten von Anna kennt weiß auch, dass bei ihr oft sehr fließend so wirklich ineinander geht, dass sie das wirklich wie ein Bild komponiert und immer große Lust dran hat den Zuschauer da auch wirklich zu überwältigen.
00:07:54: In den Arbeiten von Anna Bergmann gibt es oft verschiedene Zustände, die im Laufe des Abends wechseln.
00:08:01: Das Stück sei vom Bühnenbild her in drei verschiedene Kapitel eingeteilt, erklärt Ben Bauer.
00:08:07: Ganz am Anfang gibt es einen eher geschlossenen Raum auf der Bühne –
00:08:15: Das entblättert sich dann mehr und mehr.
00:08:18: Wir schauen in einen großen Salon mit Tapeten, Lampen, Fenstern vorhängen, großen Türen möbeln.
00:08:29: also wir haben versucht diese Stimmung von diesem eher traurigen Landgut wo diese Familie scheinbar in so einer endlosen Depression irgendwie gefangen ist einzufangen auch für die Bühne Und dann, und das liebt Anna immer wenn es da am Ende noch mal so einen großen Twist gibt.
00:08:47: Also nicht nur inszenatorisch sondern auch was die Ästhetik oder die Bühne angeht wird sich das Ganze dann nochmal öffnen also das Haus kann dann verschwinden.
00:08:58: ich verrat jetzt noch nicht wie aber es wird sich dann nochmal Öffnen und man schaut eigentlich mehr in so einem offenen offenen weiten Zustand.
00:09:10: Anna hat immer so ein bisschen von dieser Fjord-Erfahrung gesprochen, dass man das Haus verlässt draußen steht und eine endlose Weite sieht oder
00:09:19: spürt.".
00:09:20: Die Landhausasthetik aus den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts passt zu diesem starken bürgerlichen Moralkonstrukt welches im Stück sehr wichtig ist und noch einen starken Einfluss auf das Leben von einzelnen Personen hatte.
00:09:35: Und doch versuchten Anna Bergmann und ihr Team dem Stück eine eigene Ästhetik zu verleihen.
00:09:41: Es ist mehr wie ein Art Gemälde, wo man das Gefühl hat aus ganz unterschiedlichen Inspirationen oder aus ganz verschiedenen Stimmungen bauen wir dann unsere Welt natürlich aus einer heutigen Sicht weil wir machen ja auch im Jahr für dieses Theater aber auf dieser Epoche oder auf diese Atmosphäre.
00:10:00: Auch die Kostüme erscheinen nicht durchgehend historisiert, im zweiten Teil des Stücks erkennt man eine Mischung aus Omongard und heutigen Kostümen.
00:10:10: wie mir Settrik Packer erzählt.
00:10:12: Er ist der Kostühmbildner der Produktion Gespenster und hat in London bei Vivien Westwood studiert.
00:10:18: Ihre Handschrift sieht man auch in seinen Arbeiten.
00:10:21: trotzdem versucht er die Kleider der Figuren im Stück neu zu bebildern.
00:10:26: Also in meiner Arbeit interessiert mich sehr immer an so eine Staatlichkeit, dass Figuren sozusagen wenn sie den Kostüm stecken automatisch so eine Art wie bewegt man sich in den Kosten aus Kostümen zwingt eine Körperhaltung einzunehmen.
00:10:43: und ich habe mich für dieses Kostym sehr inspirieren lassen von dem Designer Marc Jacob.
00:10:49: Er hatte vor ungefähr vier Jahren eine Kollektion wo die Models auf dem Laufstieg so aussahen wie Puppen die aber irgendwie sehr statisch waren und sich nicht richtig bewegen konnten, also wie Marinettenpuppen.
00:11:03: Und wenn man diese Kostüme anhaut – so ist es auch bei uns im Stück – haben die Schauspielautomatik eine Haltung, die eigentlich sowieso ein Korsett ist.
00:11:12: Also das passt gut zu diesem gespenster
00:11:15: Geisterhaus.".
00:11:17: Cedric Packers ganz persönliches Highlight sei der sogenannte Wolkenkleid erzählt er.
00:11:23: Das Kostüm der Frau Alwing
00:11:25: Dieses Wolkenkleid ist schon das Highlight der Inszenierung.
00:11:29: Es hat ungefähr vierhundert Stunden gebraucht, also insgesamt das Kleid nähen zu gestalten von der Werkstatt und es ist aus einem Material eine Mischung aus Kashmir.
00:11:42: Der Charakter ist schon sehr angelegt, wenn ich bei den Proben zuschaue dass Frau Alwing sehr kühl und unnahrbar fast wirkt.
00:11:50: Und das Kostüm hat sehr opulente Arme also wirklich riesen Schultern und mir kommt es manchmal so vor beim Proben, dass es extrem hilft dieses Kostümen anzuhaben.
00:12:02: Es gibt so Szenen wo Frau Alving sich auch... hinter den Ärmel versteckt, dass man ihr Gesicht gar nicht mehr sehen kann.
00:12:09: Nur auch ihre Stimme hört.
00:12:11: Also nach dem Motto sprich ich nicht mit mir und schaue mich nicht an.
00:12:14: Du siehst nur noch diesen riesen Arm.
00:12:18: Und das finde ich sehr witzig weil es dafür auch sorgt, dass wirklich echt eine krasse Körperlichkeit entsteht und man nochmal so als Schauspieler mit diesen Kostümen nochmal Sachen erfinden kann.
00:12:28: Das finde ich
00:12:29: toll.".
00:12:30: Das Stück Gespenster feiert am zehnten September am Theater Basel Premiere Ein Stück, das Henrik Ibsen vor fast hundertfünfzig Jahren geschrieben hat.
00:12:39: Welche Relevanz hat dieses denn heute noch?
00:12:41: Dramaturgin Anja Dieöcks sagt...
00:12:43: Also wir wollten es nicht modernisieren aber sie wollten uns doch nochmal mehr fragen.
00:12:47: Es hat sich ja auch einiges getan seitdem.
00:12:50: Wir haben sehr viele Diskurse über das Verhältnis Männer Frauen heutzutage.
00:12:56: Es wurde sehr viel über Missbrauchsfälle berichtet und so weiter, aber auch über die Art und Weise wie diese vertuscht werden.
00:13:02: Also das Stück hat uns immer noch sehr, sehr viel zu sagen und doch haben wir natürlich eine etwas andere Perspektive auf diese Themen heute als vor hundertfünfzig Jahren und dem wollten wir mit dieser Perspektiv von Regine rechnen
00:13:14: können.".
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