Stückeinführung – ‹Moses und Aron›
Shownotes
Oper in drei Akten
Musik und Text von Arnold Schönberg
Uraufführung 1957 am Opernhaus Zürich
Künstlerisches Team
Musikalische Leitung – André de Ridder
Inszenierung – Benedikt von Peter, Felix Rothenhäusler
Regiemitarbeit – Tilman aus dem Siepen
Bühne und Kostüm – Olaf Breuning
Bühnenbildmitarbeit – Oscar Mateo Grunert
Kostümmitarbeit – Stefanie Göttel
Lichtdesign – Cornelius Hunziker
Sounddesign – Cornelius Bohn
Chorleitung – Michael Clark, Norbert Kleinschmidt
Dramaturgie – Benjamin Wäntig, Franz-Erdmann Meyer-Herder
Musikalische Assistenz und Co-Dirigat – Friederike Scheunchen
Regieassistenz – Amélie Wyss, Mick Besuch
Besetzung
Moses – Walter Hess
Aron – Rolf Romei
Ein junges Mädchen – Juliette Tacchino
Eine Kranke – Frauke Mäder
Ein junger Mann / Nackter Jüngling – Ronan Caillet
Ein anderer Mann / Ephraimit – Timothy Connor
Ein Priester – Jin Seok Lee
Drei Älteste – Junyeop Lee, Naoshi Sekiguchi, James Turcotte
Vier nackte Jungfrauen – Juliette Tacchino, Annie Schwartz, Cecilia Rivera-Sauer, Charis Peden
Sechs Solostimmen – Katharina Held, Cécilia Roumi, Sonja Koppelhuber, Gabriel Courvoisier, Tom Volz, Jan Kuhar von Bibra
Solo-Sopran – Margarete Nüsslein
Chor des Theater Basel
Opernchor des Theater Freiburg
Statisterie Theater Basel
Sinfonieorchester Basel
Transkript anzeigen
00:00:02: Liebe Hörerinnen und Hörern, herzlich willkommen zur Audio-Einführung zur Oper Moses & Aron.
00:00:08: Mein Name ist Benjamin Wendtich.
00:00:09: ich bin Leitender Dramaturg der Oper im Theater Basel Und ich darf Ihnen etwas über ein wirklich besonderes Stück und eine besondere Produktion erzählen Denn diese Oper von Arnold Schönberg ist jetzt zum ersten Mal in Basel scenisch zu erleben.
00:00:24: Sie wird recht selten gespielt, denn sie ist musikalisch extrem anspruchsvoll.
00:00:29: Vor allem der Chor-Part für dessen Einstudierung ein Profikor normalerweise eine bis anderthalb Jahre benötigt.
00:00:36: Man braucht einen großen Chor Denn die Partie ist häufig bis zu achtfach geteilt Und deswegen haben wir für diese Produktion den Chord des Theater Basel fusioniert mit dem Opernchor des Theater Freiburg.
00:00:50: Wir erreichen so eine Chorstärke von achtzig Personen, eine Größe die wir lange nicht mehr hier auf der Bühne des Theater Basel hatten.
00:00:58: Und nicht nur das auch diese Listen-Assembles bei der Häuser sind fusioniert.
00:01:02: Der Freiburger Generalmusikdirektor André de Ridal er dirigiert unser hiesiges Sinfonieorchester Basel.
00:01:08: Die Ausstattung wurde vom Werkstätten beider Theater zusammengebaut also im wahrsten Sinne eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit.
00:01:18: Grenz überschreiten Das trifft auch die Grundaussage des Stücks.
00:01:23: Es ist eine Theoriestunde über Zeichentheorie, einer der biblischen Urmythen aus dem Buch Exodus.
00:01:30: Nämlich wie Moses das Volk der Israeliten aus dem Exil in Ägypten befreit es zum Glauben an sein ursprünglichen Gott zurückführt dadurch vereinigt und ins gelobte Land nach Ghana an zurück führt.
00:01:42: Die Herausforderung die die Bibel dabei beschreibt ist dass der Gottesmonotheismus eine abstrakte Vorstellung Die Götter Ägyptens dagegen überall in Natur anzutreffen, die sind durch Götzenbilder leicht erfasslich quasi berührbar.
00:01:56: Gott dagegen erlegt den Menschen das zweite Gebot des Bilderverbot auf.
00:02:02: Moses soll diese abstrakte Gottesvorstellung dem Volk vermitteln.
00:02:07: Er hat aber eine Zitat schwere Zunge.
00:02:10: Es wird allgemein gedeutet dass er Stottera gewesen sein könnte Und er bekommt daher seinen Bruder Aron als wiederum Zitat Mund, als eine Art Lautsprecher an seine Seite gestellt.
00:02:21: Mit Hilfe von Wundern können sie das Volk überzeugen und dem Fahrer urschließlich entkommen.
00:02:26: Doch als muss es vierzig Tage lang auf den Berg der Offenbarung Gottes Vorschriften darunter auch die zehn Gebote und vieles mehr empfängt – da fällt das Volg vom Glauben ab!
00:02:35: In höchster Bedrängnis lässt Aron aus dem Schmuck der Gemeinde ein goldenes Kalb schmieden, dass dann in einer fanatischen Orgie angebetet wird.
00:02:44: Als Moses dann vom Berg herab kommt, mit den gerade frisch geschriebenen Zehen geboten
00:02:48: etc.,
00:02:49: da zerstört er das Kalb und erstellt Aaron den Anstifter des Abfalls von Gott zur Rede.
00:02:57: Schönberg hat diese biblische Geschichte weitergeschrieben.
00:03:01: Sein Moses ist noch wesentlich radikaler als sein biblisches Vorbild.
00:03:05: Er sieht den Zweck des Bilderverbots nämlich grundsätzlicher wenn ein abstrakter Gottesbegriff Aber sagen wir auch jede andere abstrakte Idee übersetzt wird, zum Beispiel in Sprache, in Symbole oder in Bilder.
00:03:19: Dann stellt sich die Gefahr der Vereinfachung, der Verfälschungen oder auch der Manipulation.
00:03:26: Jeder und jede kann nur in sich selbst die Wahrheit eine Idee erkennen nicht durch irgendeine Form der Repräsentation.
00:03:34: Nehmen wir mal einmal zum Beispiel Flaggen Sie vereinen Leute hinter der Idee zum Beispiel eines Nationalstaats.
00:03:40: Sie schreiben Identitäten zu, sie grenzen aber auch andere aus und errichten Mauern.
00:03:46: Und diese grenzziehende Eigenschaft von Symbolen, Bildern
00:03:49: etc.,
00:03:49: aber auch von Sprache lehnt Schönbergsmoses ab!
00:03:53: So steht im Zentrum der Oper die Befreiung aus geistigen Fesseln nicht die aus physischen.
00:03:59: Man sieht also keine Gegner, die gewaltsam besiegt werden müssten, man sieht keine blutige Landnahme.
00:04:05: Stattdessen stellt unser Moses am Ende die Frage, ob das Volk statt ins gelobte Land, dass er auch seinem Bild erklärt zu ziehen nicht lieber in der Wüste bleiben sollte.
00:04:15: Also in einem Ort des Nichts, einem Ort der Wunschlosigkeit.
00:04:19: indem man nur auf sich selbst zurückgeworfen ist und indem man dort die Wahrheit nun sich selbst sucht schafft man seiner Ansicht nach das Fundament für ein friedliches Zusammenleben.
00:04:31: Und die Bedrohung eines solchen friedlichen Zusammenlebens hat der Schöpfer Arnold Schönberg am eigenen Leib erfahren.
00:04:37: Er ist in eine jüdische, assimilierte Familie in Wien hineingeboren und er trat mit dreiundzwanzig Jahren dann zu Protestantismus über... ...Ninzehnundzwanzig geschah ihm etwas was ihn ganz grundsätzlich neu hat über seine religiöse Herkunft nachdenken lassen und zwar befand er sich im Urlaubsort Matze bei Salzburg Und in diesem Sommer hat der Gemeinderat dieses Ortes jüdische Gäste auf sommerfrische ausdrücklich nicht mehr willkommen geheißen.
00:05:07: Schönberg ist sofort abgereist und dieses Erlebnis, das war eine Initialzündung die ihn bewegt hat erneut über seine religiöse Herkunft nachzudenken über seine jüdischen Wurzeln In der Nacht übernahme der Nazis, da ist Schönberg über Paris in die USA emigriert.
00:05:27: Er hat sofort selbst seine Professur damals in Berlin aufgekündigt und im Übrigen in Paris dann auch offiziell den jüdischen Glauben wieder zurück angenommen.
00:05:39: Es gibt in seinem Werk eine ganze Reihe von Stücken, die diese Bedrohung jüdischer Glaubens in dieser Zeit reflektieren.
00:05:47: Dazu zählt natürlich auch Moses und Aron.
00:05:50: Und in gewisser Weise auch Schönbergs Zwöftung Methode selbst, diese Kompositionsmethode die er zeitgleich ab dem Beginn der zwanziger Jahre entwickelt hat.
00:06:00: Es ist der Versuch könnte man sagen eine Musik zu schreiben in der alle Zwölftöne gleichberechtigt sind ohne Hierarchien Gleichzeitig eine Musik die wie nach Moses eigener Idee nur für sich selbst stehen soll für das Zitat Reinigen des Denkens, also ohne all den Ballast der Vergangenheit.
00:06:20: Auf der anderen Seite von der Macht der Symbole konnte sich auch Schönberg selbst nicht ganz frei sprechen.
00:06:25: er hatte seit seines Lebens eine große Furcht vor der Zahl dreizehn dass es im Übrigen ein wissenschaftliches Phänomen was es wirklich gibt.
00:06:34: und er hat sich entschieden den Namen von A-Rond nur mit einem a zu schreiben, damit der Titel der Oper nicht dreizehn sondern nur zwölf Buchstaben enthalten sollte.
00:06:44: und damit fällt natürlich auch diese Buchstammzahl des Titels garantiert nicht zufällig mit dieser wichtigsten Zahl seines eigenen Tonsystems zusammen.
00:06:55: Es ist das erste komplett zwölftönige Bühnenwerk, ein solches umfangreiches Werk was geschrieben wurde und es ist ein Stück was ganz deutlich zwischen Tradition und Moderne steht.
00:07:08: Einerseits der radikal moderne Hinsicht der Harmonik.
00:07:12: es entzieht einem ständig permanent harmonisch den Boden unter den Füßen.
00:07:17: man befindet sich in einem Raum, den man neu entdeckt.
00:07:21: Auch einhundert Jahre nach der Komposition knapp ist das immer noch ganz interessant zu entdecken dieser Komposition.
00:07:28: Die Instrumentation dagegen ist größtenteils opulentromantisch kann man sagen.
00:07:33: Schönenberg war ein genialer Instrumentator hat geniale Klangfarben aus dem Orchester gezaubert.
00:07:39: Das können Sie vor allem in der Episode des Goldenen Cipes hören.
00:07:43: Und vor allem können Sie es bei uns in der Aufführung, wie ich finde ganz toll hören.
00:07:46: Denn unser Orchester sitzt in einem großen Orchester gerüst am anderen Ende der Bühne auf drei Ebenen.
00:07:53: Sie können die Musikerinnen und Musikern des Sinfonieorchesters also sehen während sie spielen.
00:07:59: Und indem Sie die Musik sehen, können Sie auch mehr hören so würde ich Ihnen zumindest Profit sein.
00:08:06: Zurück zu Schönberg!
00:08:08: begann eher die Arbeit zu diesem Stück mit dem Libretto, das er selbst geschrieben hat.
00:08:14: Zunächst hatte er noch ein Oratorium im Kopf und trotz der späteren Entscheidung dann eine komplette Oper daraus zu machen bleiben oratorienhafte Züge bei dem Werk.
00:08:23: Wir haben im Wesentlichen zwei Hauptfiguren und einen großen Chor Zu der Chorgruppe.
00:08:28: dazu gehören diverse größere und kleinere Soli, die aber alle Teil der Volksmasse sind.
00:08:34: Die auch alle loginerische Rollennamen tragen ein junges Mädchen einen jünger Mann, ein anderer Mann
00:08:40: etc.,
00:08:42: also im Wesentlichen eben die Gegenüberstellung von den beiden Mosenenaron und der Masse.
00:08:48: In dem Jahr neunzehntig bis zweiunddreißig hat Schönberg dann den ersten und zweiten Akt dieser Oper komponiert.
00:08:55: Der dritte Akt ist jedoch fragmentgeblieben.
00:08:57: es gibt Nur eine Textskizze von Schönberg, eine ziemlich kurze im Übrigen und keine Musik mehr.
00:09:04: Und bis zu seinem Tod, in deiner Zeit war es nicht nur keine Aufführung dieses Stückes sondern auch keine Vollendung des Werkes obwohl Schönberg öfter darüber gesprochen hat.
00:09:16: In unserer Aufförung wird dieses kurze Stück aus dem dritten Akt als gesprochene Szene inkludiert.
00:09:22: Man muss außerdem sagen dass die Form des Fragments zum Stück ganz gut passt Denn am Ende des zweiten Aktes, da verzweifelt Moses darüber das ihm das Wort fehlt und wir hören dazu wie zunächst die Musik verstummt.
00:09:38: Und dann in der folgenden Sprechszene schließlich auch das Wort Beide Medien, Musik-und Wort fallen Moses Skepsis zum Opfer den Gedanken nicht adäquat darstellen zu können.
00:09:51: So steht dann am Ende auch unsere Aufführung auf jegliche Art der Repräsentation und wir haben das Stück gewissermaßen beim eigenen Wort genommen, möchten ein offenes Ende am Ende stehen haben.
00:10:05: Und im Übrigen auch auf den Schluss-Aplaus verzichten!
00:10:09: Sie erleben bei uns auf der Bühne den Schauspieler Walter Hess von dem Münchner Kammerspielen als Moses.
00:10:14: eine ziemlich ungewöhnliche Besetzung, denn normalerweise erlebt man in dieser Partie sprechende Sänger, denn sie ist rhythmisch unter Tonhöhen fixiert vom Schönberg.
00:10:24: Walter Hess rückt das gesprochene Wort in den Mittelpunkt, was den Kontrast zu seinem Bruder Aaron schärft.
00:10:31: Denn dieser Aaron ist ein Operntinoir.
00:10:34: Rolf Romay singt diese immensforderne Partie und er hat dabei eine Doppelaufgabe.
00:10:39: Er singt nämlich vom Orchestergerüst aus und er steuert dabei einen großen fahrenden Lautsprecher mit einem Joystick in der Hand gewissermaßen sein scenischer Stellvertreter.
00:10:50: Denn in unserer Inszenierung von den beiden Intendanten hier von Basel und von Freiburg, Benedikt von Peter und Felix Rotenhäusler da geht es nicht um dem Bruderkonflikt zwischen den beiden sondern es geht vor allem um das Verhältnis von Moses und seinem Volk.
00:11:06: Und zwischen den Beiden steht eben kein Mensch Sondern ein technisches Gerät Ein Lautsprecher der eben für diesen Konflikt zwischen Mensch und Technik steht, einer Technik die sich – das sehen wir auch heute immer wieder – zu verselbstständigen droht.
00:11:21: Ansonsten erleben Sie das Stück als eine Art Versuchsanordnung, eine große weiße Fläche, die offen ist für die Etablierung einer neuen Ordnung.
00:11:29: Was braucht es für ein gelingendes Zusammenleben?
00:11:32: Und welches Potenzial hat Moses' utopische Idee einer Gesellschaft ohne grenzensätzende Symbole?
00:11:38: Eine Idee, die so schwer wenn nicht gar unmöglich zu leben ist!
00:11:43: Unser Moses hier bei uns ist eine Art Wanderprediger, der seine Idee in einer Theateraufführung demonstriert mit vielen naiven Requisiten um vorzuführen das es Wunder eigentlich nicht gibt.
00:11:55: Der Chor ist dabei Teil des Publikums also Teil von ihnen sitzt im Saal er sitzt um sie herum und Mit einer riesigen Objekt-Explosion in der Szene des goldenen Kalbs führt unser Moses dann vor wohin uns heute kollektiv die blinde Verehrung alltäglicher Objekte gebracht hat.
00:12:15: Mit diesen Objekten können Sie im Übrigen dann im zweiten Akt auch direkt interagieren auf der Bühne, wenn sie mögen oder aus dem Zuschauerraum heraus und diese Objekty stammen von dem Schweizer Multimederkünstler Olaf Bräuning, der sich in seinen Werken unter anderem damit beschäftigt wie Objekto sich zwischen uns Menschen stellen können.
00:12:35: Es erwartet sich also eine Aufführung, die das Stück und seine zugegehenermaßen abstrakte Diskursebene ganz nah an sie heran holt.
00:12:43: Ich wünsche Ihnen viel Freude dabei!
00:12:45: Und möchte Sie am Ende noch verweisen auf das umfangreiche Rahmenprogramm dass wir um die Moses & Aaron-Aufführungen herum gestrickt haben.
00:12:53: Auf in die Wüste heißt es... Das ist Moses' letzte Schlagwort bei uns in der Aufförung Und es gibt Diskussionsformate, es gibt Konzerte mit vielen weiteren Stücken von Arnold Schönberg.
00:13:05: Es gibt eine Tora-Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem jüdischen Museum der Schweiz die im Foyer des Theaters zu entdecken ist und vieles mehr.
00:13:14: Wenn Sie also mögen tauchen sie mit uns tief ein In Schönbergs Theoriegebäude.
00:13:19: Wir finden es lohnt sich und hoffen dass Sie das nach der Aufführung auch so sehen werden.
00:13:23: Vielen Dank fürs Hören und bis bald am Theater Basel.
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