Stückeinführung – ‹Biedermann und die Brandstifter›

Shownotes

Ein Lehrstück ohne Lehre

Werkangaben:
Von Max Frisch
Uraufführung 1958 in Zürich

Künstlerisches Team:
Inszenierung – Stefan Pucher
Bühne – Nina Peller
Kostüme – Annabelle Witt
Komposition / Sounddesign – Christopher Uhe
Videodesign – Ute Schall, Hannes Francke
Lichtdesign – Vassilios Chassapakis
Dramaturgie – Kris Merken
Produktionsleitung – Jennifer Muangsiri
Regieassistenz / Abendspielleitung – Leonard Heep

Besetzung:
Gottlieb Biedermann – Jan Bluthardt
Babette Biedermann – Bärbel Schwarz
Anna, die Hausangestellte – Regina Raimjanova
Josef Schmitz, ein Ringer – Daniel Lommatzsch
Wilhelm Maria Eisenring, ein Kellner – Marie Löcker
Chor / Polizist / Witwe Knechtling – Sebastian Baumgarten, Esther Gaspart Michels, Phaea Korycik, Alina Trippl
Live-Video – Ute SchallShow activity dates of UteSchall, Charlotte EngelShow activity dates of CharlotteEngel

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00:00:02: Herzlich willkommen zu unserem Podcast über Max Frisch, Biedermann und die Brandstifter in der Inszenierung von Stefan Puhrer.

00:00:10: Ich möchte heute darüber sprechen wie dieses Stück entstanden ist, warum Frisch die Form der Parabel gewählt hat vor welchem politischen Hintergrund es geschrieben wurde und wie Stefan Puher den Stoff für die Gegenwart neu befragt.

00:00:25: Beginnen wir mit der Vorgeschichte.

00:00:27: Der Stoff von Biedermann und die Brandstifter findet sich bei Max Frisch bereits in seinen Tagebüchern in einer Prosa-Skizze mit dem Titel Burlesque.

00:00:39: Die zentralen Motive des späteren Stücks sind hier bereits vorhanden, ein Bürger nimmt Fremde auf obwohl alle Anzeichen dafür sprechen dass es sich um Brandstifte handelt.

00:00:50: Er möchte höflich und menschlich sein er kann nicht nein sagen und verdrängt die offensichtliche Gefahr.

00:00:57: am Ende steht das gemeinsame Essen und der katastrophale Brand.

00:01:02: Aus dieser Prosa-Skizze entsteht neunzehnhundertdreiundfünfzig.

00:01:06: zunächst ein Hörspiel, auch hier gibt es einen wichtigen Unterschied zum späteren Theaterstück.

00:01:12: Ein Sprecher, der Verfasser kommentiert das Geschehen und stellt die Frage ob nicht in jedem von uns ein Biedermann steckt?

00:01:21: In dieser Fassung überlebt Biederman den Brand sogar.

00:01:25: Später gab es die Idee Gemeinsam mit Friedrich Dürrenmatt ein neues Biedermannstück zu entwickeln.

00:01:31: Das Projekt scheiterte jedoch und Frisch arbeitete den Stoff schließlich allein zur Bühnenfassung aus, die in Zürich in der Uhr aufgeführt wurde.

00:01:42: Interessant ist dabei vor allem frisches Arbeitsweise.

00:01:46: Viele seiner Stoffe entstehen zunächst in den Tagebüchern und werden anschließend weiterentwickelt.

00:01:52: Er arbeitet also immer wieder mit bereits vorhandenem Material.

00:01:56: Auch Stefan Pucher greift diese verschiedenen Entstehungsstufen auf.

00:02:01: In seiner Inszenierung begegnen uns neben dem eigentlichen Theaterstück auch Elemente aus der Prosa-Skizze und im Hörspiel.

00:02:10: Besonders wichtig ist dabei die Boleske.

00:02:12: Im Originalstück gibt es Köere, die sich auf die antike Tragödie beziehen.

00:02:17: Pocher stellt die Frage ob diese kulturellen Referenzen für ein heutiges Publikum noch dieselbe Bedeutung haben.

00:02:24: An ihre Stelle treten deshalb andere Referencen unter anderem aus der amerikanischen Popkultur.

00:02:31: Das verändert auch die Beziehung zum Publikum.

00:02:34: Die Prosa-Skizze spricht den Zuschauer direkt mit einem Du an, dadurch entsteht eine besondere Spannung.

00:02:41: Wir wissen was passieren wird und sehen trotzdem dabei zu wie sich die Katastrophe Schritt für Schritt entwickelt.

00:02:48: Und damit sind wir bei der zentralen Form des Stücks.

00:02:51: Der Parabel Biedermann oder die Brandstifte ist kein realistisches Drama.

00:02:59: Gesten und Symbole werden überzeichnet, und psychologische Erklärungen treten in den Hintergrund.

00:03:06: Frisch wollte gerade dadurch den klassischen Theaterillusionismus durchbrechen.

00:03:11: Die Bühne sollte nicht einfach eine Wirklichkeit vorspielen.

00:03:15: Sie sollte dem Zuschauer einen Spiegel vorhalten Und dieser Spiegl sollte eigentlich uns selbst treffen.

00:03:22: Doch genau hier entsteht ein Problem.

00:03:25: Die Parabel ist oft auf sehr unterschiedliche Situationen anwendbar.

00:03:30: Wer sind die Brandstifter?

00:03:32: Sind es Kommunisten, Fascisten, autoritäre Politiker oder einfach Menschen, die eine Gesellschaft ausnutzen während die anderen wegsehen.

00:03:42: Frisch musste feststellen, dass ein Stück in unterschiedlichen politischen Zusammenhängen ganz unterschiedlich gelesen wurde.

00:03:49: In Zürich wurde es beispielsweise als antikommunistisches Stück verstanden, während es in Russland als antifaschistisches Stück gelesen werden konnte.

00:03:59: Das zeigt die Stärke und zugleich die Schwäche der Parabel.

00:04:03: Sie kann sehr viel bedeuten, und gerade deshalb kann man sich ihrem eigentlichen Anspruch entziehen.

00:04:09: Man kann sagen – das handelt von den anderen!

00:04:13: Frisch wollte aber etwas ganz anderes.

00:04:16: Er wollte, dass wir den Biedermann in uns selbst erkennen.

00:04:20: Damit eine Parabel diese Wirkung entfalten kann, braucht sie eine konkrete Aktualität.

00:04:26: Sie muss an etwas anknüpfen, was die Zuschauer unmittelbar betrifft Und genau hier setzt Puches in Szenierung an.

00:04:34: Eine wichtige Referenz ist aber Amerika, das ist nicht zufällig.

00:04:39: Max Frisch selbst hat sich über Jahrzehnte intensiv mit den USA beschäftigt.

00:04:44: Seine erste Reise dorthin unternahm er!

00:04:49: Amérika faszinierte ihn als Land der Moderne des Fortschritts und der individuellen Freiheit.

00:04:55: Gleichzeitig beobachtete er kritisch Rassismus, Konsum, politische Appatie und die Leichtigkeit mit der Überkrieg gesprochen wurde.

00:05:05: In seinen Tagebüchern beschäftigt er sich unter anderem mit der McCarthy-Ära, der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung – und später auch mit der Politik Ronald Reagan's.

00:05:16: Dabei interessierte ihn immer wieder der Widerspruch zwischen dem amerikanische Freiheitsversprechen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die dieses Versprechen gefährden.

00:05:26: Auch Der American Dream spielt aber eine Rolle!

00:05:29: Die Vorstellung dass jeder Mensch durch Leistung und individuelle Anstrengungen aufsteigen kann, diese Idee prägt nicht nur Amerika sondern auch unsere eigene politische und gesellschaftliche Vorstellungskraft.

00:05:44: Puches Inszenierung verbindet diese amerikanischen Referenzen mit der Gegenwart und mit der Popkultur.

00:05:51: Dabei geht es nicht darum zu behaupten, unsere Gegenwart sei einfach dieselbe wie die Zeit von Max Frisch.

00:05:58: viel interessanter ist die Frage welche Muster erkennen wir wieder?

00:06:02: Was passiert, wenn politische Konflikte zu Entertainment werden?

00:06:06: Wenn wir ständig informiert sind und trotzdem gleichgültig bleiben.

00:06:10: Wenn wir eine Gefahr erkennen – aber lieber so tun als ginge sie uns nichts an!

00:06:15: Und damit kommen wir schließlich zu Stefan Puchers persönlichen Zugang zum Max Frisch.

00:06:20: Pucher interessiert an Frisch besonders dessen autobiografisches Schreiben und die Frage nach der Identität.

00:06:27: Wer bin ich eigentlich?

00:06:30: Bei Frisch ist Identität nichts Festes.

00:06:33: Je nachdem, mit wem wir sprechen und in welcher Situation wir uns befinden sind wir ein anderer.

00:06:39: Und das verbindet sich mit Puchers eigener Theaterarbeit und mit seiner Frage was passiert in diesem Moment?

00:06:46: Wir erleben eine Situation, wir reagieren und denken vielleicht erst sehr viel später hätte ich anders handeln können.

00:06:54: Genau das kann Theater leisten!

00:06:57: Es kann Situationen wiederholen untersuchen und uns mit unseren eigenen Reaktionen konfrontieren.

00:07:04: Vielleicht ist Theater deshalb auch eine Probe für das Leben?

00:07:07: Und vielleicht liegt genau darin die Aktualität von Biedermann und die Brandstifter, nicht nur daran dass wir erkennen wer die Brand Stifter sein könnten sondern darin dass wir uns fragen müssen was tun wir wenn wir sie erkennen?

00:07:21: wann sagen wir nein?

00:07:22: und vor allem wie lange können wir uns einreden dass das Feuer zwar schon brennt aber noch nicht unser eigenes Haus erreicht?

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