Stückeinführung – ‹Die Möwe›

Shownotes

Werkangaben
Ein Drama von Anton Tschechow
Uraufführung 1896 in Sankt Petersburg
Bearbeitung: Martin Crimp
Übersetzung: Peter Hilton Fliegel

Künstlerisches Team
Inszenierung – Jaz Woodcock-Stewart
Bühne – Rosie Elnile
Bühnenbildmitarbeit – Alys Whitehead
Kostüme – Gaëlle Da Costa, Rosie Elnile
Komposition und Sounddesign – Josh Anio Grigg
Mitarbeit Sounddesign – Owen Crouch
Lichtdesign – Alex Fernandes
Dramaturgie – Kris Merken
Produktionsleitung – Jennifer Muangsiri
Regieassistenz / Abendspielleitung – Lee Mülders
Bühnenbildassistenz – Lynn Tilsner
Kostümassistenz – Anouk Hufschmid

Besetzung
Irina Arkadina – Marie Löcker
Kostja Trepljow – Gala Othero Winter
Petruschka Sorin – Sabine Waibel
Nina Zaretschnaja – Antoinette Ullrich
Ilja Schamrajew – Andrea Bettini
Polina Schamrajew – Yohanna Schwertfeger
Mascha Schamrajew – Mona Lou Wyss
Alexej Trigorin – Linus Schütz
Jewgeni Dorn – Jan Bluthardt
Semjon Medwjedenko – Julian Anatol Schneider
Jakow – Bo Niklas Müller

Statisterie Theater Basel

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00:00:02: Was passiert, wenn scheinbar nichts passiert?

00:00:05: Das ist die Frage mit der wir heute anfangen.

00:00:08: Und sie ist keine Rhetorische!

00:00:10: Sie isst die Frage, die seit über hundert Jahren jede Inszenierung von Tschechovs Die Möwe vor eine fundamentale Herausforderung stellt und die uns in den letzten Monaten bei der Arbeit an dieser Produktion nicht losgelassen hat.

00:00:23: Ich bin Dramaturg bei dieser Produkation und ich möchte Ihnen heute erzählen was uns an diesem Stück fasziniert und warum wir es jetzt in dieser Form auf die Bühne stellen.

00:00:34: Also... die in Blicken, in Pausen, in dem was unausgesprochen bleibt ihr eigentliches Drama ausfechten.

00:01:07: Er ist, mit der legendären Inszenierung des Moskauer Künstletheaters unter Konstantin Stanislawski wurde das Stück zum Erfolg und Stanislawski verstand etwas Entscheidendes.

00:01:21: Die Herausforderung lag nicht darin möglichst viel Handlung sichtbar zu machen sondern dass unsichtbare erfahrbar werden zu lassen.

00:01:29: Atmosphären Pausen, Geräusche, Figuren die warten beobachten sich erinnern schweigen oder über etwas anderes reden als das was sie eigentlich beschäftigt.

00:01:42: Und jetzt der Inhalt?

00:01:43: Oder besser... Die Ausgangslage.

00:01:46: Wir sind auf einem Landsitz Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

00:01:49: Akadena, die berühmte Schauspielerin lebt hier mit ihrer Schwester Sorin und ihrem Liebhaber Trigorin dem erfolgreichen Schriftsteller.

00:01:57: Um Sie herum Ein kleines Ensemble von Menschen, die einander in schrecklicher Langeweile anöden sich mit kleinen Sticheleien das Leben zur Hölle machen.

00:02:07: Kostya Akadinas Kind will Künstlerin werden.

00:02:11: Sie hat einen Stück geschrieben dass am Abend auf einer kleinen Bühne im Garten aufgeführt werden soll.

00:02:16: Die Hauptrolle spielt Nina Kostyas Geliebte.

00:02:20: Das Stück spielt in zweihundert tausend Jahren in der Zukunft wo alle Lebewesen ausgestorben sind.

00:02:27: Kostja leidet unter der ständigen Norgeleider Mutter, die ihr Talent infrage stellt und immer wieder Trigorin als Maßstab ansetzt.

00:02:36: Am Abend kommt es zum Eklat – Mutter-und Kind geraten in Streit und allmählich zeigt sich was unter der Oberfläche liegt.

00:02:44: Nina fühlt sich zu Trigorian hingezogen, zu seinem Charme, zu ihrem Erfolg, zu allem was Kostya bisher versagt war.

00:02:52: Als Akadena und Trigurin abreisen verlässt Nina Kostjah!

00:02:56: Sie will Schauspielerin sein, an Trigorin's Seite in der Stadt.

00:03:02: Jahre vergehen!

00:03:03: Kostja ist inzwischen eine erfolgreiche aber einsame Schriftstellerin und dann taucht Nina wieder auf und von Trigorian verlassen?

00:03:11: Sie hatte einen kleinen Erfolg und das Leben in der Statt hatte sie sich anders vorgestellt – sie ist gescheitert.

00:03:17: Und dennoch will sie nicht zurück.

00:03:19: Sie verlässt Kostya abermals.

00:03:22: Am Ende bringt sie sich um.

00:03:24: Nicht aus einem dramatischen Moment heraus sondern aus einer Erschöpfung, die sich über Jahre aufgebaut hat.

00:03:30: Aus dem Gefühl dass die Kunst ihr bei der existenziellen Suche nach Glück ebenso wenig hilft wie die Liebe.

00:03:36: Und genau hier setzen wir an.

00:03:39: Tschechow bezeichnete die Möwe als Komödie.

00:03:42: Hinter den alltäglichen manchmal absurden Situation liegt eine tiefe Melancholie.

00:03:47: Nina träumt von der Bühne Kostia von einer neuen Kunst Mascha von einer unerreichbaren Liebe.

00:03:53: Sohin wartet seit Jahrzehnten auf ein Leben, das nie begonnen hat.

00:03:57: Polina liebt seit Jahren den selben Mann und hat es ihm nie gesagt.

00:04:01: Trigorin ist ein erfolgreicher Schriftsteller aber zugleich gefangen im Zwang diesen Erfolg immer wieder bestätigen zu müssen.

00:04:08: alle wollen geliebt werden Und alle suchen etwas dass außerhalb ihrer Reichweite liegt.

00:04:14: Mehr als hundert Jahre später wirkt das Stück erstaunlich gegenwärtig.

00:04:19: Es erzählt von Künstlerinnen und Künstlern Von Liebe und Scheitern und von dem zutiefst menschlichen Bedürfnis für vollgenommen zu werden.

00:04:27: Seine eigentliche Spannung entsteht dort, wo Menschen einander nahe sind und sich dennoch nicht erreichen.

00:04:33: Aber wir stehen hier nicht einfach vor Tschechow!

00:04:36: Wir stehen vor zwei Verschiebungen – und die erste ist Martin Krimp.

00:04:40: Krimpp hat im Jahr six eine Bearbeitung verfasst, die Handlung und Figuren des Originals übernimmt aber ihre politische und gesellschaftliche Bedeutung verschiebt.

00:04:50: Was bei Tschechov als persönliches Scheitern erscheint, wird bei Krimp mit größeren Machtverhältnissen verbunden.

00:04:57: Gewalt, Täuschung, Konkurrenz, Ungleichheit – das Persönliche und das Politische liegen hier eng beieinander.

00:05:05: Besonders deutlich wird es zwischen Nina und Trigorin eine Beziehung geprägt von einem Machtgefälle in dem sich Abhängigkeit und Bedürfnis nach Bestätigung verschränken.

00:05:17: Trigorian ist gesellschaftlich und künstlerisch etabliert.

00:05:21: Nina steht am Anfang ihrer Laufbahn und sucht nach einem Platz, an dem sie ernst genommen wird.

00:05:26: Seine Anerkennung kann ihr Türen öffnen zu denen sie selbst noch keinen Zugang hat.

00:05:31: Gerade darin liegt seine Macht und die Versuchung sie auszunutzen.

00:05:35: Crimps Bearbeitung lässt sich zugleich als Blick auf das früher ein zwanzigste Jahrhundert lesen.

00:05:40: Leistungen und Erfolg werden zum Maßstab über den sich Wert- und Zugehörigkeit bestimmen.

00:05:46: Anerkendung ist nicht mehr selbstverständlich.

00:05:49: Sie muss erworben und immer wieder neu bestätigt werden.

00:05:53: Und die zweite Verschiebung?

00:05:54: Jazz-Woodcock Stewart.

00:05:56: Ihre Inszenierung erweitert Crimson Perspektive um Klasse, Geschlecht, Sexualität und Identität.

00:06:03: Im Zentrum steht eine Frage, die uns in der Arbeit sehr beschäftigt hat Wer wird sichtbar?

00:06:09: Wessengeschichte wird erzählt?

00:06:11: Wer erhält Handlungsmacht?

00:06:13: Die Besetzung von Konstantin und Sorin mit Frauen verschiebt die geschlechter Rollen, und damit auch den Blick auf Beziehungen und Begehren.

00:06:22: Vertraute Vorstellungen davon wer begehrt wird, welche Formen von Nähe als selbstverständlich gelten geraten entzwanken.

00:06:31: Gleichzeitig richtet die Inszenierung dem Blick stärker auf die Klassenverhältnisse – denn nicht alle, die sich auf dem Landsitz bewegen gehören dazu.

00:06:40: Paulinas Mann verwaltet das gut!

00:06:42: Mascha ist deren Tochter.

00:06:44: Jakov ist das Faktotum des Hauses, unverzichtbar für alles was hier geschieht und doch unsichtbar for alle.

00:06:51: Nina stammt aus einfachem Hause und ist auf Gedei und Verderb auf die Gunst der Etablierten angewiesen.

00:06:58: Sie alle halten den Landsitz am Laufen und haben keinen Anteil an dem was hier verhandelt wird.

00:07:03: In unserer Arbeit haben wir darauf geachtet dass diese Figuren eigene Wünsche, eigene Konflikte, eigene Handlungsspielräume bekommen.

00:07:11: Damit stellt sich die Frage Wer bekommt Zugang zu den Räumen, in denen über Kunst, Erfolg und Bedeutung entschieden wird?

00:07:19: Besonders deutlich wird die Verbindung von Klasse, Geschlecht- und Begehren an Nina und Kostia.

00:07:26: Ihre lesbische Beziehung eröffnet einen Raum jenseits heterosexueller Normen doch gerade in deren Nähe zeigt sich wie ungleich ihre Ausgangslagen sind.

00:07:36: Kostias kämpft um die Anerkennigung ihrer Mutter und um ihren Platz als Künstlerin Doch ihr Blick auf Nina's Situation bleibt begrenzt.

00:07:44: Sie erkennt nicht, wie sehr Nina aufgrund ihrer Herkunft und ihrer prekären Stellung um Zugehörigkeit kämpft.

00:07:51: Was Nina von Kostya braucht – kann diese ihr nicht geben, weil sie Ninas Lage nicht wirklich sieht!

00:07:57: Und als Nina sich später Trigorin zuwendet, verliert Kostja nicht nur ihre Geliebte.

00:08:03: Trigorian ist zugleich der Liebhaber ihrer Mutter und steht für jene Position, um deren Zugang Kostia selbst dringt….

00:08:10: Dass Nina ausgerechnet ihn wählt, macht den Verlust doppelt schmerzhaft.

00:08:15: Und jetzt der Teil, der mich persönlich am meisten beschäftigt hat?

00:08:20: Die Inszenierung richtet den Blick auch auf uns – auf das Publikum!

00:08:24: Gestehen wir einer jungen Künstlerin dieselbe Widersprüchlichkeit zu wie einem etablierten Künstler?

00:08:30: Können wir mit Kostja mitfühlen wenn sie sich ernsthaft um ihre Kunst bemüht dabei aber etwas hervorbringt dass nicht besonders gut

00:08:37: ist?!

00:08:38: Und können wir Ninas Wunsch nachvollziehen, ihren eigenen Platz in der Kunstwelt zu finden?

00:08:44: In der Liebe wie in der Kunst neigen wir dazu Menschen zu idealisieren.

00:08:48: Sie zu Genies oder zu Göttern zu erklären und sie ebenso schnell wieder abzuwerten.

00:08:54: Wem gestehen wir Größe zu – und wer bleibt unsichtbar?

00:08:58: Das sind keine Fragen die sich nur auf die Bühne beziehen!

00:09:08: wie wir einander zuhören oder nicht zuhörern.

00:09:11: Und vielleicht ist genau das der Grund, warum die Möwe seit über hundert Jahren nicht veraltet?

00:09:16: Sie zeigt uns, wie wenig wir voneinander wissen wenn wir glauben Wir wüssten es!

00:09:22: Wie viel in den Pausen liegt In dem was Nicht gesagt wird In dem Blick der Nicht trifft Was passiert, wenn scheinbar nichts passiert.

00:09:31: Vielleicht genau dass, was wirklich wichtig ist.

00:09:34: Ich danke Ihnen fürs Zuhören Und wenn sie neugierig geworden sind, die Produktion läuft jetzt.

00:09:40: Ich würde mich freuen Sie im Saal zu sehen bis zum nächsten Mal!

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